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Wie damals

Da sind wir nun. Du und ich. Wie in alten Zeiten. Bier, Wein, Zigaretten. Doch die Stimmung ist angespannt. Das Knistern fehlt. Die Magie von früher fehlt. Beides schon lange verschwunden.
Und dennoch sitzen wir hier. Gemeinsam. Du und ich. Wie damals.

Es war ein Zufall. Mein Leben konnte nicht schlimmer sein. Die Gesamtsituation war mehr als deprimierend. Kein Geld, keine Bleibe, keine Motivation, keine Liebe. Nur Bier und Zigaretten. Viel Bier und viele Zigaretten.
Ich war weg, wie so oft in jener Zeit. Die Sorgen vergessen. Verzweifelt im Versuch sie zu ertränken. Klappte auch ganz gut. Bis zum nächsten Morgen. Dann kam die Erkenntnis, das alles so wie vorher war. Nichts hatte sich geändert. Nichts hatte sich verbessert.
Meine Versuche mir ein wenig Glück zu besorgen, sei es auch nur für eine Nacht, für einen Augenblick, scheiterten immer wieder aufs neue.

Doch dieses eine Mal war es anders.
Ich stand dort, gedankenschwanger, biertrinkend, als du zu mir kamst. Dir seien meine Haare aufgefallen. Na das war ja mal ein Kompliment. Meine Frisur war nun wirklich alles andere als lobenswert. Deine Haare allerdings waren engelsgleich. Ich übertreibe keineswegs. Diese Frau hatte einfach wunderschöne Haare. Und so kamen wir ins Gespräch. Ich war schon ziemlich betrunken. Für mich aber kein überraschender Zustand. Sodass ich damit gut umgehen konnte. Du aber schienst völlig nüchtern zu sein. Das spielte aber keine Rolle. Wir unterhielten uns gut. Beinahe zu gut. Und das machte mir Angst. Die Sehnsucht nach einem solchem Moment war so groß, dass ich jetzt Angst hatte, mich auf ihn ein zu lassen. Doch es lief alles automatisch. Als hätte ich nichts verlernt.

Deine Schönheit wurde mir erst am nächsten Morgen so richtig bewusst. Bin ich etwa neben dir aufgewacht? Ich bin neben dir aufgewacht! Unfassbar. Der Moment der Erkenntnis schockierte mich. Zauberte mir aber ein kleines Lächeln ins Gesicht. Und so legte ich mich wieder neben dich. Wir waren nackt. Natürlich. Was denn sonst, dachte ich mir so ganz beiläufig.
Ich konnte meine Blicke einfach nicht von dir lassen. Deine Haare, dein Mund, dein Gesicht. Ein Traum. Und ich war wach. Es war einfach himmlisch.
Irgendwann bist du aufgewacht. Schnell hab ich meine Augen geschlossen. Aber du hast es mitbekommen. Denn unsere Blicke trafen sich nur einige Millisekunden, die mir aber wie Jahre vorkamen.

Deine Hand fuhr über mein Gesicht. Ganz sanft und zart. Ein Kuss auf die Stirn. Doch ich traute mich nicht, die Augen zu öffnen. Aus Angst, ich würde diesen Moment für immer zerstören.
Dann bist du aufgestanden. Hast Kaffee gemacht. Dein Frühstück war wie meins. Starker Kaffee und Zigarette. Beeindruckend. Ich hegte augenblicklich Sympathie für dich. Daraufhin musstest du lachen. Aber es war ein schönes Lachen, ein nettes. Wir haben lang dort gesessen. An deinem Tisch. Nackt. Deine Blicke werd ich nie vergessen. Voller Güte und Wärme. Und dennoch frech, fordernd und irgendwie schmutzig.

Bevor ich duschen ging, verschwanden wir noch einmal im Bett. Die Chemie stimmte einfach. Es passte. Wie füreinander geschaffen. Und das gefiel uns beiden. Weil wir es merkten. Weil wir uns darauf einließen.

Dann ging ich. Unwissend, wann und ob ich dich wieder sehen würde. Warum hab ich nicht nach deiner Nummer gefragt? Ich ärgerte mich über mich selbst.

Zwei Tage später klingelt mein Handy. Ich schaue auf das Display. Die Nummer kenn ich nicht. Wer weiß, wer das nun wieder ist. Ich nehme ab. Deine Stimme hab ich anfangs gar nicht erkannt. Erst als du mir erzählt hast, dass du es irgendwie geschafft hast, meine Nummer ausfindig zu machen, dämmert es mir. Du rufst mich an. Jetzt gerade. In diesem Moment. Ich weiß nicht, ob das gut ist oder wo und wie das enden wird. Aber ich lasse mich darauf ein. Ein kurzes Gespräch wird lang, ein langes scheinbar endlos.

Wir haben uns getroffen. Ganz zwanglos. Wir waren schließlich beide keine 12 mehr. Aber es war trotzdem irgendwie anders. Da war so eine Magie in der Luft. Ich kannte dich zwar nicht, aber in deinen Augen konnte ich sehen, dass du es auch gemerkt hast.
Und so gingen wir wieder zu dir. Ich hatte ja keine eigene Bleibe. Es war der Wahnsinn. Du warst unglaublich. Noch nie war eine Frau so erfüllend. Am Ende fragst du mich, ob ich nicht erstmal bei dir einziehen wollen würde. Ich? Bei dir? Wir kannten uns doch kaum. Für dich aber kein Problem. Du wärst dir sicher, dass es gut funktionieren würde. Ich dürfe so lange bleiben, bis ich was eigenes habe. Ich war sprachlos. Diese scheinbar völlig Fremde bietet mir ihre Hilfe an. Ich war fast den Tränen nahe.

So zog ich bei ihr ein. Trotzdem suchte ich nebenbei was Eigenes. Doch aus Tagen wurden Wochen. Aus Wochen wurden Monate. Und aus Monaten wurden Jahre.
Man kann gut und gerne behaupten, dass wir das glücklichste Paar auf Erden waren. Alles passte, alles hatte gestimmt zwischen uns. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Du warst die schönste Zeit meines Lebens.

Doch wie alle Geschichten hatte auch diese irgendwann ihr Ende gefunden. Kein böses. Alles war gut zwischen uns. Aber du musstest weg. In eine andere Stadt. Und das konnte nicht funktionieren. Leider. Wir trennten uns voller Liebe und Trauer. Was blieb war der Kontakt. Doch auch er verflüchtigte sich irgendwann.
Bis zu jenem Tag, an dem mich eine bezaubernde Frau ansprach und mir Komplimente zu meinen Haaren machte. Meine Haare. Verdammt, daran ist nun wirklich nichts besonderes.

Als ich mich umdrehte und dir in deine reizenden Augen schaute, dein Gesicht lächelnd, dachte ich für einen Augenblick, ich würde träumen. Doch ich war wach. Mir fehlten die Worte. So brachte ich nur Gestotter heraus, als du mich umarmt hast. Ein Kuss auf den Mund. Bier, Wein und Zigaretten folgten.
Wir sitzen hier. Gemeinsam. Du und ich. Wie damals.

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Über Aiden Corey

Emotionsjunkie • Gefühlshändler • Soziologe • Philosoph • International anerkannter Experte für Gedöns und Zeug

13 Kommentare zu “Wie damals

  1. Ich bin durch Facebook, was auch sonst, auf deinen Block aufmerksam geworden. Und das 1. Klicken brachte mich zu diesem Text. Wahnsinn. Ich mein, wenn du das wirklich geschrieben hast, bin ich sprachlos. Schon mal überlegt ein Buch zu schreiben. 🙂 Großartig formuliert.

  2. schätzelein mir fehlen einfach die worte!
    so wunder wunder schön geschrieben! Großer Gott ich will mehr, was muss ich tun um dein Passwort zu bekommen ?

    Love
    Jenni

  3. Hab ich irgendwie die Chance, an dein Passwort zu kommen? 😉

  4. wirklich ein sehr schöner Text.

  5. Oh, wie wunder-wunderschön!

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