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Im Nebel

Du irrst durch den Nebel. Du erkennst nichts. Selbst die Lampe, die du bei dir hast, kann dir keinen Weg erleuchten. Und so irrst du weiter, unwissend wohin.

Draußen scheint die Sonne.

Schmerz. Es zwickt, es kneift. Du wachst auf. Schmerz. Vernebelt richtest du deinen Kopf auf und versuchst die Quelle des Schmerzes aus zu machen. Als dir klar wird, dass dir weder die Umgebung vertraut ist, noch der Schmerz, realisierst du, dass du nackt bist.

Schmerz. Wo kommt er nur her? Er fühlt sich so verdammt unangenehm an. Schmerz. Du versuchst ihn zu verdrängen, um den offensichtlicheren Fragen eine Antwort zu verpassen. Wo bist du? Warum bist du nackt?

Du versuchst dich auf zu richten, um dich genauer um zu sehen. Du erkennst hier rein gar nichts. Alles ist fremd. Es riecht nach Zigaretten, Alkohol und Sex. Hey, dein Geruchssinn hat sich zu dir gesellt. Du bist ihm dankbar. Zumindest so lang, bis dir die Frage nach dem Geruch des Aktes in den Kopf kommt. Hängt wahrscheinlich mit der Tatsache zusammen, dass du nackt bist. Na großartig. Muss ja ne tolle Party gewesen sein. Warst du überhaupt auf einer Party? Sieht wohl ganz danach aus. Dann hast du wohl irgend einen Typen abgeschleppt. Oder eher umgekehrt, er dich. Denn du bist ja nicht zu Hause, sondern bei ihm. Vielleicht war es auch eine Frau? Ein kleines Grinsen huscht durch dein Gesicht.

Du liegst immer noch in diesem Bett. Hattest du dich nicht gerade aufgerichtet? Was hat dich denn wieder zurück geworfen? Schmerz. Da ist er wieder. Er war es. Natürlich. Er bedrängt dich, zwickt dich, kneift dich, beißt dich.

Du fühlst dich wach, aber gleichzeitig so müde. Unfähig, dich auch nur irgendwie zu bewegen. Aber du hast doch eben deinen Kopf gehoben und dich aufgerichtet? War das Einbildung? Nein, denn du siehst noch schemenhaft den Raum, den du eben gesehen hast vor deinem geistigen Auge. Irgendwie beängstigend. Aber wenn du nur weiter ausnüchterst, dann wird alles wieder klar.

Ein Telefon klingelt. Eine Stimme, voller Sorge, ja, beinahe schon Trauer, meldet sich am anderen Ende und versucht etwas heraus zu finden. Doch ihr kann nicht geholfen werden. So telefoniert sie weiter alle Nummern ab, die sie hat und kennt und alle die, die man ihr gegeben hat.

Denn sie kann und will die Hoffnung einfach nicht aufgeben. Sie ist allein. Ihr ist nichts geblieben, außer dir. Doch du bist nicht da. Und sie sucht dich. Aber nicht nur sie sucht dich. Auch die Polizei weiß längst Bescheid. Suche, Hunde, Helikopter. Nichts hat geholfen. Alle malen sich schon das Schlimmste aus. Außer ihr. Sie glaubt fest daran, dass sie dich wieder in den Armen halten wird. Bald, ganz bald.

Sie ruft eine weitere Nummer an, doch ohne Erfolg. Sie kämpft mit den Tränen. Sie, die Stimme voller Trauer, Leid, Hoffnung und Liebe.

Deinen Gedanken ans Ausnüchtern verwirfst du, als sich die Tür öffnet und in dir die Hoffnung weckt, dass alle deine ungeklärten Fragen eine Antwort bekommen.

Jemand betritt das Zimmer. Du kennst ihn nicht. Du erkennst ihn nicht. Wie ein schwarzer Schatten scheint er durchs Zimmer zu schweben. Oder sie? Selbst als die Person neben dir auf dem Bett sitzt, bist du unfähig, sie zu erkennen. Du versuchst dich zu bewegen. Doch deine Muskeln gehorchen dir nicht. Ganz langsam dämmert es dir, dass du dich vorhin auch nicht bewegt hast. Die schemenhafte Vorstellung des Raumes, in dem du bist, war ein Relikt aus deiner Erinnerung, als du zum ersten Mal in diesem Zimmer warst. Das war vor… Du kannst deine Gedanken nicht zu Ende bringen. Der schwarze Schatten hat das getan, wonach er aussieht. Er steht auf und verlässt das Zimmer. Und lässt dich zurück. Lässt dich einsam und allein zurück.

Doch du bist nicht allein. Was bleibt, ist der Nebel. Und eine Lampe. Aber sie hilft dir nicht. Du irrst durch den Nebel, unwissend, wo du hingehst.

Ein Handy klingelt. Die liebevolle Stimme, die weiterhin versucht, dir ein Licht zu schenken, gibt nicht auf. Sie steht am Rande des Nebels und versucht verzweifelt ein Licht im Nebel zu erkennen.

Draußen scheint die Sonne.

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Über Aiden Corey

Emotionsjunkie • Gefühlshändler • Soziologe • Philosoph • International anerkannter Experte für Gedöns und Zeug

9 Kommentare zu “Im Nebel

  1. Glaub es oder nicht, aber ich kann überhaupt keine Epiloge schreiben ^.^° Ich hab es versucht, aber es wollte nicht passen und die Worte waren alle falsch. Da sind Prologe für mich schon einfacher.
    Guter Text außerdem 😉

  2. Wow.

    Ich mag deine Texte. Ich lese sie immer schnell, weil ich wissen will, wie es ausgeht. Ich muss mich zwingen, langsamer zu lesen, damit ich wirklich alles auskosten kann. Aber zwischendrin habe ich immer schon zwanzig Ideen, wie es ausgehen könnte. Und es kommt doch ganz anders.

    Jedes Mal eine schöne Überraschung!

    • Dankeschön! 🙂
      Schnell lesen darfst du wirklich nicht. Es steckt auch viel zwischen den Zeilen. Und unter Umständen versteht man das Ende dann nicht, wenn man den Mitteil auslässt 😉

      • EBEN! Deswegen muss ich mich immer zwingen, gemächlich zu lesen. Aber ich bin ungeduldig, ich will unbedingt schnell wissen, wie die Texte enden, weil es immer anders ist, als ich denke.

      • Freut mich, dass ich dich so „fesseln“ kann 🙂

  3. ich finde es gut. metaphorisch.

  4. Nun ja..
    „Seltsam, im Nebel zu wandern!“ (Hesse. Ein Klassiker)

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