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Der Ritter

Man sagt, dass Menschen, die kein Herz mehr haben, nicht lieben können. Doch ich liebe. Obwohl du mir mein Herz gestohlen hast. Du hast es mir aus der Brust gerissen, bist drauf gesprungen, hast es zerquetscht, zertreten, verbrannt. Doch ich liebe.

Wir haben mit dem Feuer gespielt. Es war heiß. Viel zu heiß. Doch das Löschwasser stand immer bereit. Wir sind auf Regenbögen gewandert. Bis ans Ende, um das Gold zu suchen. Doch wir sind grandios gescheitert. Wir. Du und ich. Ja. Aber das war einmal. Du weinst mir keine Träne mehr nach. Du hast es nie getan. Denn für dich gab es nie ein Wir. Wenn du Wir sagtest, dann meintest du dich. Nur dich. Du bist das, was für dich zählt im Leben. Nur du allein. Kein anderer. In deinem Herzen ist nur Platz für dich. Kein anderer darf in diese Festung.

Mit hohen Mauern stand dort eine Burg. Graben, Stacheldraht, Mienen, Kanonen, Soldaten, die sie beschützten. Keiner hatte sich jemals getraut, einen Versuch zu unternehmen, diese Burg zu stürmen. Zu gefährlich. Es schien einfach unmöglich, dort hinein zu gelangen. Die Geschichte dieser Burg hatte mir gezeigt, dass es tatsächlich nie jemand versucht hat. Ich sollte der Erste und Letzte sein. Doch weil die Geschichte dieser Burg so lückenhaft war – es war nicht ersichtlich, warum sie so stark bewacht wurde – macht ich mich auf, sie zu erobern.

Dass ich keine Rüstung trug, wurde mir am Ende zum Verhängnis. Aber wie bei jedem Abenteuer glaubt man an das Gute. Woher auch sollte ich wissen, dass diese Burg, so schön sie auch von Weitem an zu sehen war, so unendlich scharf bewacht wurde. Als ich auf dem Weg dorthin sämtlichen Gefahren – andere Ritter, Drachen, Monster – trotzte, war es bereits zu spät, um um zu kehren. Also blieb mir keine andere Möglichkeit, als den schlangenartigen Pfad zur Burg weiter zu gehen. Ich habe gedacht, dass ich schon so viele Gefahren ohne Rüstung überstanden habe, dass ich das letzte Stück auch noch ohne schaffen würde.

Der Kampf um die Burg war erbittert, heftig, böse, blutig. Ich bezahlte mit Schweiß und Tränen. Die Sonne, die oben aus dem höchsten Turm schien, spornte mich an, weiter zu kämpfen. Ich hatte ein Ziel. Ich musste einfach in diesen Turm, um das Glück ein zu fangen. Es war dort oben eingesperrt. Und das konnte ich nicht zu lassen. Ich war einer von jenen Rittern, die kein Unrecht duldeten. Die Freiheit musste ein weiteres Mal siegen. Sie musste einfach. Und so überwand ich den Graben, die Mauer, den Stacheldraht, die Mienen. Ich zerstörte die Kanonen, tötete Soldaten. Immer von der Sonne, die dort oben schien, geleitet.

So stand ich also an diesem Turm. Er war verdammt hoch. Ein Ende war nicht ab zu sehen. Doch ich begann ihn zu erklimmen. Meter für Meter. Giftige Ranken zerschnitt ich mit meinem Schwert. Also mit dem, was von meinem Schwert noch übrig war. Der beschwerliche Kampf hatte aus meinem einst so stolzen Schwert ein kleines Messer gemacht. Doch das war kein Hindernis. Denn ich war ja gleich oben. Der Aufstieg kam mir wie Jahre vor. Keine Jahre der Verschwendung. Aber Jahre der Entbehrung, der Sehnsucht, der Gier, des Verlusts, des Entsagens. Um so glücklicher war ich, als ich endlich oben angekommen bin.

Die Spitze des Turms war ein Zimmer. Doch kein Glanz, keine Sonne. Das Zimmer war herunter gekommen, dreckig, staubig, alt. Wie hätte hier jemand leben können? Alles war voller Spinnweben. Die Luft war stickig. Ich schaute mich um. Unfassbar. Das konnte einfach nicht sein. War meine Reise umsonst? Bin ich hier hoch gekommen für nichts? Habe ich für ein altes ranziges Zimmer mein Leben aufgegeben? Ich war schockiert. Doch dann wurde ich belohnt. Die Sonne kam. Wie schön sie leuchtete. So warm und gütig. Aber halt. Was war das? Als der wärmende Schein sich legte, stand dort ein Wesen vor mir, das keinen Namen kennt. Alt, verbittert, voller Hass. Kein Mensch, aber auch kein Tier. Was war es bloß?

Ich konnte kaum meine Gedanken sammeln, da griff es mich auch schon an. Mit Feuer. Es spie mir Feuer entgegen. Heiße Flammen schlugen um mich. Ich konnte gerade noch ausweichen. Doch das Wesen setzte erneut an und spie mir mit all seine Kraft seine heißen Flammen entgegen. Ich versuchte, zunächst erfolgreich, sie mit dem, was mal mein Schwert war, ab zu wehren. Aber ich war nun entwaffnet. Denn die Hitze der Flammen brachten meine Klinge zum schmelzen. Was tun? Ich wusste weder ein, noch aus.

Da stand es nun, dieses Wesen. Bereit, mir den Todesstoß zu verpassen. Ich wollte nicht als Feigling sterben. Also setze ich zu einem letzten verzweifelten Angriff an. Ich stürmte auf das Wesen zu, um es irgendwie mit meinen Händen zu packen. Doch es packte mich. Ich hatte keine Chance. Es hielt mich hoch und sah mich an. Einen Moment lang dachte ich, ich würde es kennen. Und für den Bruchteil einer Sekunde hatte es den Anschein, als ob es dem Wesen ähnlich ginge. Noch bevor ich etwas sagen konnte schnellte seine Hand in Richtung meiner Brust und riss mir mein Herz heraus. Das Wesen hielt es eigenartig triumphierend in der Hand, bevor es mich zu Boden schleuderte, um in aller Ruhe mein Herz zu vernichten. Es schmiss mein Herz auf den Boden, sprang darauf herum, hob es auf, zerquetschte es und verbrannte es letztendlich mit seinen heißen Flammen.

Ich lag dort. Wehrlos in einer staubigen Ecke und musste zu sehen, wie mein Herz brutalst vernichtet wurde. Als nichts weiter als ein Häufchen Asche davon übrig blieb, wandte sich das Wesen an mich. Ich war erstaunt, wie zufrieden es mich an sah.
„Versuch mal, ohne Herz zu lieben!“
Mit diesen Worten verschwand das Wesen.
Und ich lag dort. Ohne Herz.
Doch ich liebe.
Noch immer.

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Über Aiden Corey

Emotionsjunkie • Gefühlshändler • Soziologe • Philosoph • International anerkannter Experte für Gedöns und Zeug

5 Kommentare zu “Der Ritter

  1. Eine ganz wunderbare Geschichte, die mich in den letzten Minuten echt „abgeholt“ hat. So soll es sein, so muss es bleiben. Vielen Dank dafür.

  2. Wie immer sehr gelungen, Monsieur! Ich kann mich meiner Vorrednerin nur anschließen!

    Ich habe kürzlich einen Spruch gelesen: Echte Prinzessinnen erlegen ihren Drachen selbst. Und wenn die Prinzessinnen das können, ist es auch kein Wunder, dass die Burg ummauert und fast unzugänglich ist.

    Das Gute sollte man nicht mit dem Bösen verwechseln. Denn dann speit es feuer, vernichtet die letzte Waffe und zerstört.

    P.S. Der Prinz aus Dornröschen hatte auch keine Rüstung, oder? 😉

    • Aber der Prinz aus Dornröschen hatte ein Pferd! 😉
      Und mein Protagonist war ja nur ein bescheidener Ritter, kein Adliger 😛

      Trotzden vielen lieben Dank!

      • Er musste das Pferd doch stehen lassen, oder?

        Waren da nicht diese grausamen Dornenbüsche? 😉

        Deswegen erlebe ich nie Märchen… ich bin nicht adlig.. (genau genommen, hat irgendeine Sau in meiner Familie unter Stand geheiratet.. genau genommen fließt nämlich ein Tick blaues Blut durch meine Adern.. genau genommen.. aber die SAU!)

  3. In den Text bin ich echt versunken.

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