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Der Zug

Da steh ich nun. Am Bahnsteig. Und sehe, wie mein altes Leben in den Zug steigt. Es dreht sich nicht um. Kein letzter Gruß, keine letzten Worte. Ich stehe noch lang da und schaue dem abfahrenden Zug hinterher.

Die Unsicherheit und auch die Unwissenheit, ob ich nun Lachen oder Weinen soll, bringt mich zum Schweigen.
So stehe ich da. Einsam. Ohne ein Leben. Es macht sich gerade davon.
Es war abgesprochen. Wie es war, war es schön, aber es konnte auf Dauer nicht funktionieren mit uns beiden. Wir brauchten uns, aber es ging auch nicht miteinander. Ein Abschied musste also kommen. Früher oder später. Bevor es für beide zu heikel werden würde.

Mein Leben saß nun also dort im Zug. Und machte sich auf den Weg, jemand anderes zu suchen, jemand anderes zu leben. Jemand anderem zu zeigen, dass es mehr gibt. Dass du so unendlich viel zu bieten hast. Dass es sich lohnt, dich zu leben. Denn das konntest du gut. Die ganzen Facetten des Reichtums der Möglichkeiten zeigen.

Man konnte gut mit dir auf dem Balkon sitzen. Bis die Sonne aufging. Rauchend. Dann hast du Kaffee gemacht. Der Beste, den ich je getrunken hab.
Du hast so fantastisches Bier gebraut. Deine Schnapskenntnisse waren vortrefflich.
Ja, Alkohol war deine heimliche Leidenschaft. Und du hast mich immer mit gezogen.

Du hast immer gewusst, wie du mich begeistern kannst. Du hast immer gewusst, was ich brauche, auch wenn du es mir nie geben konntest. Du warst immer da, wenn ich niemanden gebraucht hab. Du bist mit mir gegangen, wenn ich hier bleiben wollte. Du hast auf mich gewartet, wenn ich nicht weg war.

Deine Welt war trügerischer Schein und brutale Realität zugleich.
Du hast die Sonne in den Mond verwandelt und die Sonne im Herzen begraben.

Du hast es geschafft, aus mir die Person zu machen, die ich jetzt nicht bin.
Du hast mich nicht geprägt, denn ich war die Prägemaschine.

Ein Leben steigt in den Zug und verlässt jemanden. Tragisch, sollte man meinen. Wenn da jemand am Bahngleis steht, Tränen im Gesicht, das Taschentuch zum Abschied winkend in der Hand, dem Zug noch lange nach schauend.

Aber so ist es nicht.

Ich stehe hier. Ohne Tränen. Kein Taschentuch. Kein Abschied.
Ich stehe hier noch lang da und schaue dem abfahrenden Zug hinterher.

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Über Aiden Corey

Emotionsjunkie • Gefühlshändler • Soziologe • Philosoph • International anerkannter Experte für Gedöns und Zeug

3 Kommentare zu “Der Zug

  1. I ♥ Aiden Corey’s Texte. 🙂

  2. Eine Frage bleibt offen: Wo hat sie das Bier gebraut? Ist sie Bierbraumeisterin? 🙂

    Aiden Corey, ich mag deinen Schreibstil. Der ist so schön metaphorisch, so mitreißend, so einfühlsam. Ich mag deine Texte.

    Hoffe, es ist ok, wenn ich dich in meine Blogroll aufnehme.

    Es grüßt,
    bb

  3. „Und machte sich auf den Weg, jemand anderes zu suchen, jemand anderes zu leben“
    Wow….leave me speachless.

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